9. Februar 2004 - velka raca

Gestützt auf ihre Skier und Stöcke kämpften sich die Frau, der Junge und der Mann in ihren schweren Abfahrtstiefeln Meter um Meter in Richtung Gipfel. Der Junge hielt sein Snowboard fest umklammert, nachdem ihn der Sturm schon einmal zu Boden geworfen hatte.

im Bau befindlicher Lift

An der Liftstation, die sie hinter sich zurückgelassen hatten, hatte man ihnen zu verstehen gegeben, dass nur von der höchstgelegenen Station eine Talfahrt möglich sei. Von dort waren es etwa 600 Meter Höhenunterschied, den der Lift bis zur Talstation überwinden musste.

Der Sturm hatte noch zugenommen, seitdem sie die tiefer gelegene schützende Baude verlassen hatten. Der Mann krümmte sich vor Schmerz und wartete auf die Frau, die im starken Schneetreiben einige Meter zurückgeblieben war. Diese verfluchten Nervenschmerzen im Rücken waren der Grund, dass sie sich für den Abstieg mit dem Sessellift entschieden hatten. An eine Abfahrt selbst über die weniger steilen Hänge war mit diesem Handikap nicht mehr zu denken. Der Mann hatte gestern überhaupt zum ersten mal in seinem Leben auf Abfahrtskiern gestanden... Die Wege, auf deren verharschtem Schnee sie gestern mehr schlecht als recht zu talwärts gefahren waren, waren heute unter hohen Wehen verschwunden und für den ungeübten Mann unpassierbar.

Die Frau war fast am Ende ihrer Kräfte, als sie die Liftstation erreichten. Der Liftwart kam aus seiner kleinen Hütte heraus in den tobenden Sturm und bedeutete ihnen, dass sie bei der Talfahrt die Skier nicht an den Füßen haben dürften, sondern ihre Ausrüstung in den Arm zu nehmen hätten.

Der Junge wurde zuerst auf einem Lift verfrachtet. Das Snowboard schützend vor den Kopf gehoben schwebte er bereits hoch über dem Hang. Die Frau wollte als nächste einen Sessel erklimmen, wurde jedoch von dem Liftwart in letzter Sekunde zurückbeordert. Der Rucksack, den sie sich umgeschnallt hatte, sollte bei der Abfahrt vor der Brust getragen werden. Ihr Gefährte half ihr aus den Trägern und schnallte sich den Rucksack selbst vor die Brust. So waren bereits mehrere leere Sessel nach dem Jungen Richtung Talstation unterwegs, bevor die Frau mit den Skiern und den Stöcken im Arm auf einem Sessel abwärts schwebte. Als letzter versuchte der Mann, möglichst reibungslos einen Sessel zu ergattern. Aber genau das ging schief. Die Sessel waren von der Art, wo nach der Abfahrt ein Bügel über den Kopf nach vorn zu kippen war. An diesem Bügel sind Fußstützen angebracht, auf die man bei einer Bergfahrt die an den Füßen befestigten Skier abstellt.

Beim ersten Versuch, diesen Bügel nach vorn zu kippen, verklemmten sich die Skier zwischen Bügel und Liftgestänge. Er schwebte bereits quälend lange Sekunden hoch über der Piste, bevor es ihm gelang, die Skier so weit an sich heranzuziehen, dass er den Sicherungsbügel über den Kopf und vor den Rucksack bekam.

Aufnahme einer livecam: Lift aus Sicht der Talstation
eine Stunde vor dem Unglück...

Einige weitere Minuten brauchte er, bis er die Skier, die er zunächst nur noch an ihren Spitzen umklammert hielt, auf seinen Knien unterbringen konnte. Schließlich gelang ihm das auch mit den Stöcken... Er erholte sich langsam vom Schreck dieses höchst riskanten Entermanövers und nahm nun die Welt um sich her wieder deutlicher wahr.

Was sich in der Atmosphäre um ihn abspielte, war alles andere als beruhigend. Der Sturm peitschte den Schnee bergaufwärts schräg von vorn ins Gesicht und der Mann erinnerte sich daran, was ihm die Frau über das unbedingte Muss von warmer, strapazierfähiger Kleidung beigebracht hatte. Ohne auf sein etwas belustigtes Lächeln einzugehen – er hatte schließlich bei seinen Langläufen niemals über Kälte zu klagen gehabt - hatte sie vor der Abreise auf die Anschaffung praktischer Skibekleidung bestanden. So trug er jetzt einen wirklich erstklassigen, wetterfesten Anorak, eine wattierte Hose, dicke Handschuhe und hatte sogar an diesem Tage das Stirnband mit einer warmen Sportmütze vertauscht. Wie gut, dass es ihm jetzt sogar noch gelang, die große Kapuze bis fast über die Augen zu ziehen. Die Piste unter ihm war im heranschießenden Schnee kaum noch zu erkennen und der Mann war voller Hochachtung, wenn doch noch ein Läufer durch das Chaos unter ihm zu Tal fegte.

Die Abfahrt erfolgte für seine Begriffe ungewöhnlich langsam. „Nur nicht hängenbleiben“, ängstigte sich der Mann und entsann sich der Meldungen an Fälle, wo Menschen stundenlang auf einem stillstehenden Lift im Frost gefangen waren. Auf dem Gesicht hatte sich längst eine brennende Eisschicht gebildet. Endlich schwebte der Lift in einem engen Tal und es wurde spürbar wärmer. Die Eisschicht begann zu tauen und das Wasser tropfte dem Mann in den Mund.

Noch während er überlegte, ob es schädlich sei, das Schneewasser zu trinken, blieb der Lift stehen. Es konnte nicht mehr sehr weit sein bis zur Talstation. Wenige Sekunden nur, und der Lift ruckte wieder an, glitt ein paar Meter und hing wieder ohne Fahrt leicht schwingend hoch über dem Waldboden. Noch einmal ging es ein Stück voran, bevor die Anlage für endlos scheinende Minuten stillstand. Oben auf dem Berg hatte der Mann noch geschwärmt, wie faszinierend er die entfesselten Naturgewalten fand. Jetzt nahm er sich fest vor, gleich nach der Ankunft in der Talstation dieses voreilige Urteil zu revidieren...

kurz vor dem Unglück


Als der Mann diesen Gedanken nachhing und nur noch hoffte, er möge bald aus dieser unbequemen Lage befreit sein, wurde die Atmosphäre plötzlich durch ein berstendes Krachen erschüttert. Ein gutes Dutzend Meter vor ihm geriet auf der linken Talseite der Wald in Bewegung, es polterte. splitterte, und riesige Tannen stürzten auf die Seilbahn zu. Plötzlich war es dem Mann, als würde eine Riesenfaust an der Seilbahn rütteln. Die Liftsessel wurden durch die Luft geschleudert, ein Seil peitschte durch die Luft und der Mann glaubte, die ganze Anlage mit Ihren stählernen Masten und armdicken Stahltauen würde zusammenbrechen. Immer noch hin und er gerissen ergab er sich in sein Schicksal. Auf der Kinoleinwand hatte er solche Szenarien schon gesehen und er war sich gewiss, dass sein Ende gekommen war. „Das war’s also“, schoß es ihm durch den Kopf, dann umgab ihn Dunkelheit. Er hatte wohl im Angesicht der unausweichlichen Katastrophe die Augen geschlossen. Wenn es nur schnell geht und ohne große Leiden geschieht, das war sein einziger Wunsch. Sagte man nicht, dass in einem solchen Moment das vergangene Leben im Zeitraffer vorüberzieht? Für einen Augenblick fühlte er sich unglaublich leicht, dann erfolgte ein abrupter Stoß auf Schultern und Rücken. Er begriff sofort, dass er aus dem Lift geschleudert und offenbar in weichem Schnee aufgeprallt war. Das Bild der umstürzenden Masten vor seinem geistigen Auge kroch er auf Ellenbogen und Knien schnell aus dem Gefahrenbereich. Als er sich weit genug glaubte und um sich sah stellte er fest, dass die Anlage der Attacke der umbrechenden Bäume weitestgehend getrotzt hatte. Der Mast, dem sich die Gondel des Mannes am nächsten befand, stand erschreckend schief; eine riesige, umgebrochene Tanne war sich ein paar Meter vor ihm in den Stahlseilen hängengeblieben.

Der Mann taumelte hoch und rief nach der Frau und dem Jungen. Die Frau antwortete sofort. Auch sie war aus ihrer Gondel abgestürzt und rief voller Angst, der Junge sein verletzt. Der Mann arbeitete sich durch den Schnee an der Frau vorbei auf die Absturzstelle des Jungen zu. Hier fiel der Hang sehr steil ab, so dass der Junge noch wesentlich tiefer gestürzt sein mußte. Tief unten am Hang sah der Mann den Jungen – er stand auf den Beinen und antwortete auf die sorgenvollen Rufe des Mannes. Nein, schrie er zurück, er sei unverletzt. Der Mann rief noch den Hang hinunter, der Junge solle sich sofort von der Anlage und den Tannen fortbewegen. Er befürchtete, dass weitere Bäume umbrechen würden. Dann kümmerte er sich um die Frau. Verletzungen waren nicht erkennbar, er schickte sie zu dem Jungen hangabwärts. Sie sollte mit dem Jungen zur Talstation absteigen. Sie stützte sich auf den einen Ski, der andere war unauffindbar. Der Mann kroch noch einmal den Hang hinauf zu seiner Absturzstelle.

Talstation ca. eine halbe Stunde nach dem Unglück...

Auch seine Ausrüstung war nicht mehr komplett. Er suchte alles ab, immer den schiefstehenden Stahlmast über dem Kopf. Der Rucksack, in dem sich die Pässe, alles Geld, die Kreditkarten und sein Handy befanden, blieb ebenfalls verschwunden. Als er nach oben blickte stellte er fest, dass sich der Rucksack beim Absturz offenbar losgerissen hatte und noch oben am Sessellift hing – unerreichbar für den Mann. Auf der zum Gipfel führenden Seite der Seilbahn hingen Personen auf ihren Sesseln fest. Auf dieser Seite hatte es offenbar keine Stürze gegeben. Da man aber die Menschen aus ihrer Gefangenschaft befreien mußte, würde man auch den Rucksack bergen...

Der Mann stieg abwärts, der Frau und dem Jungen nach. An der Absturzstelle der Frau fand er noch einen Ski, den er sich auflud. Frau und Junge hatten mittlerweile einen Bach in der Talsole erreicht und mit Hilfe eines herbeigeeilten Mannes bereits überwunden. Der Snowboarder half auch dem Mann beim Übersetzen. Auf der anderen Bachseite fielen sich die drei mit Tränen in den Augen in die Arme. Den Umstand, dass alle noch am Leben waren, feierten sie wie ihre Wiedergeburt. Sie arbeiteten sich noch einen steilen Hang hinauf und dann durch Tiefschnee zur Talstation.

Einige Zeit später brachten die Rettungskräfte den letzten vermissten Ski ins Tal, und noch etwas später folgte der Rucksack.

Am nächsten Tag stellten sich die Schmerzen ein. Prellungen, blaue Flecke überall, die Frau klagte über starke Schmerzen im Bein, der Junge hatte Zerrungen am Hals...

Es wurde beschlossen, nach einem Ruhetag die Heimreise anzutreten. Als die Wirtin von den Gründen für die vorfristige Abreise erfuhr, meinte sie lakonisch: „Pech gehabt!“

Diese Geschichte hat sich wirklich ereignet, am 9. Februar 2004 im snowparadise auf dem velka raca, Slowakei. Wir, Gaby, Rico und Frieder, haben keine nennenswerten Schäden davongetragen...