Hinweis: Auf dieser Seite sammeln Gaby und Frieder Lieblingsgedichte.
Um nicht gegen geltendes Urheberrecht zu verstoßen handelt es sich bei den Gedichten mit einer Ausnahme
um Werke von Autoren, die vor über 70 Jahren verstorben sind.
Bei der Ausnahme handelt es sich um ein Gedicht von
Hamlet (Pseudonym) - sein Einverständnis für die Veröffentlichung auf dieser Seite liegt uns vor.
Mit Wehmut habe ich Gedichte und Lieder von Wystan Hugh Auden, Reinhard Mey,
Hermann Hesse und Erich Fried von dieser Seite gelöscht.

Gedichte und Lieder von

Rainer Maria Rilke
Clemens Brentano
Hamlet
Percy Bysshe Shelley


Rainer Maria Rilke

Herbsttag

Herr: es ist Zeit.

Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.


Clemens Brentano

Sprich aus der Ferne

Sprich aus der Ferne
heimliche Welt,
die sich so gerne
zu mir gesellt!

Wenn das Abendrot niedergesunken,
keine freudige Farbe mehr spricht
und die Kränze still leuchtender Funken
die Nacht um die schattichte Stirne flicht:

wehet der Sterne
heiliger Sinn
leis durch die Ferne
bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Tränen
lösen der Nächte verborgenes Weh,
dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
schiffen die Geister im himmlischen See.

Glänzende Lieder
klingender Lauf
ringelt sich nieder,
wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
bang durch die dunklen Wälder hinschleicht
und die Büsche gar wundersam schauen,
alles sich finster, tiefsinnig bezeugt:

wandelt im Dunkeln
freundliches Spiel,
still Lichter funkeln
schimmerndes Ziel.

Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
bietet sich tröstend und trauernd die Hand,
sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
alles ist ewig im Innern verwandt.

Sprich aus der Ferne,
heimliche Welt,
die sich so gerne
zu mir gesellt.



Hamlet

Was ist?


Was ist
Dein Freitag
den tee dir zu ernten vom baum.
Was ist
dein samstag
den tee dir zu brühen mit wasser
gekocht im schlaflosen traum?
Was ist
dein sonntag
deinen tee nun endlich wegzugießen
weil er schal geworden?
Was ist?




Percy Bysshe Shelley

Osymandias


Ein Wandrer kam aus einem alten Land
Und sprach: Ein riesig Trümmerfeld von Stein
Steht in der Wüste, rumpflos Bein an Bein
Das Haupt daneben, halb verdeckt von Sand.

Der Züge Trotz belehrt uns: wohl verstand
Der Bildner, jenes eitlen Hohnes Schein
Zu lesen, der in todten Stoff hinein
Geprägt den Stempel seiner ehrnern Hand.

Und auf dem Sockel steht die Schrift: “Mein Name
Ist Osymandias, aller Kön’ge König:-
Seht meine Werke, Mächt’ge, und erlebt!”

Nichts weiter blieb.
Ein Bild von düstrem Grame
Dehnt um die Trümmer endlos, kahl, eintönig
Die Wüste sich, die den Koloß begräbt.