Zelten (ostdeutsch für "campen") a la GaFri...


"Nein!", meint Gaby kategorisch, "hier zelten wir nicht!". Ihr Protest ist nicht unberechtigt. Die uns zugewiesene Parzelle ist eher etwas für Exhibitionisten, rings von Zelten umstellt, und nicht ein Hauch von Schatten. Unsere gut Deutsch sprechende Wirtin weiß Rat: Da ist doch noch so ein ruhiges, abgelegenes Fleckchen, da stand jahrelang ein Campingwagen, da wächst zwar kein Gras mehr, aber ... Uns egal! Allemal besser als auf dem Präsentierteller... (Siehe auch: pai di torri del benaco)


Nach dem Zeltaufbau gehts ans Matratzenaufpumpen. Dabei verabschiedet sich unser Blasebalg. Weiter geht's mit der Luftpumpe, zu der sich sogar ein passender Adapter findet.

Nachts kurz nach Zwei. Donner und strömender Regen reißen uns aus dem Schlaf. Noch nicht ganz bei mir wähne ich uns inmitten der Niagarafälle. Was wurde eigentlich aus dem Campingwagen, der vor uns hier an diesem Platze stand? Weggespült? Trommelnder Platzregen. Es klingt wie im Kino, wenn alle Besucher beim Dolby-Sourround-Angriff der Orks gleichzeitig mit ihren Poppcorntüten rascheln. Verschönt wird das ohrenbetäubende Geknister vom Knall berstender Wasserbomben. ("Jagd auf Roter Oktober"...) Unser Zelt steht unter einer Hochleitung. Am tiefsten Punkt ihres "Hängebauchs" sammeln sich Riesentropfen, die dann auf unserem Dach zerschellen. Erstaunlich, die Membranwirkung von so einem Zeltdach. Das mit dem Wegschwimmen ist auch nicht von ganz weit hergeholt. Unser Standort ist leicht geneigt. Das Zelt steht auf einer riesigen Mehrzweckplane (auf die Idee ihrer Anschaffung waren wir sehr stolz!), die rings unter dem Zelt hervorlugt. Die vom Dach abfließenden Wassermassen werden durch die Plane ohne Umwege direkt unter unser Zelt geschickt. Toll für alle, die Wasserbetten lieben...

Durch Unwetter und gewisse Ängste also um den Schlaf gebracht, wollte ich bei trautem Zeltlicht meine Beobachtungen niederschreiben. Aber unsere kurz vor Reiseantritt erworbene Baumarkt-Mehrzweckleuchte mit extralanger Anschlussschnur besitzt keinen Schalter! Zum Zwecke der Energieversorgung schaut hinter unserem Zelt das Ende einer Verlängerungsschnur aus dem Kies. (Bei Nässe angefasst, kitzelt's herrlich...) Unsere Regenjacken liegen im Auto, der Regenschirm steht zu Hause in Deutschland (natürlich nicht vergessen, nein, ich hatte die besorgte Gaby glatt ausgelacht - Regen in Italien, wo gibt's denn so was...). Ich entscheide mich für die Regenjacke. Den run zum Auto und zur Anschlussleitung hinterm Zelt verbinde ich entschlussfreudig mit einem Umweg über die Sanitärbaracke, Luftlinie nur etwa 40 Meter. Ich ertappe mich bei träumerischen Betrachtungen über den toilettennahen Standort der verschmähten Zentralparzelle...

Als ich erfrischt in unserem "Vorzelt" (1/2 Quadratmeter Verschnitt von Vorratskammer, Brut- und Schuhschrank sowie Sandkasten) die triefende Regenjacke abstreife, erwartet mich meine nun ebenfalls putzmuntere Gaby mit der harmlosen Bitte: "Kommst Du mit mir zur Toilette?" ...

Endlich wieder im Trockenen erinnert mich Gaby an meinen schwärmerischen Ausruf vom Vorabend: "Ich freue mich aufs Frühstück!" Gaby meint immer, nach einem Bier würde ich großspurig. Gestern Abend war's wohl eher der Rosé "mit Gas". "Das mit dem Frühstück wird jetzt problematisch", meint sie angesichts der Sintflut da draußen, "wo soll ich Kaffee kochen? Gaby gefangen im Zelt! Aber macht nichts. Wir spannen den Regenschirm auf und gehen zu den Nachbarn..." Ich schweige still und denke an den Regenschirm. Monet hat Mohnblumen und Spaziergänger im Sonnenschein d'rauf gemalt... "Bei schönem Wetter campen kann jeder", tröstet mich Gaby.

Zur Ablenkung erinnern wir uns an die Begebenheiten des Vortages: Wir waren im Hinterland des Sees wieder auf unseren Pfirsichbauernhof gestoßen, den wir im vergangenen Jahr zufällig entdeckt, später aber im Wirrwarr der Landstraßen nicht wiedergefunden hatten. Gaby war auf dem Hof sogar aus dem Auto gestiegen, nachdem sich einer der Söhne mit dem Hofhund Richtung Plantagen entfernt hatte. Mein lakonischer Hinweis, dass sich noch ein weiteres Untier unter einem Leiterwagen versteckt hat, trieb sie jedoch rasch wieder auf den sicheren Beifahrersitz. So musste ich den Rosé allein verkosten. Die Karte auf den Knien lotste mich Gaby später ins Labyrinth eines riesigen Industriegeländes. Endlose Lagerstätten von Marmor- und Granitblöcken, fabelhaft, jeder so groß wie ein Reisebus. Als ich früher noch Natursteine zur Verschönerung des Grundstückes sammelte, wünschte ich mir unterwegs beim Anblick ganz besonders schöner Exemplare manchmal: "Jetzt müsste es einen Knall geben, und diese Dinger müssten zu Hause auf dem Grundstück liegen". Während mir Gaby mutig diesen und jenen Navigationshinweis zuraunte, schlich sich dieser Wunsch, Auge in Auge mit diesen Herrlichkeiten, wieder in mein Bewusstsein. Den Wunsch schon auf den Lippen packte mich die Furcht, nach dem Urlaub den "Stadtwald 13, Oschatz" unter tausend Cheopspyramiden verschwunden zu sehn. Gaby hatte uns mittlerweile mit dem den Frauen eigenem Instinkt auf eine Fernstraße manövriert, die sich mit wirklich nur geringer Abweichung Richtung Zeltheimat schlängelte.

Unterwegs machten wir bei einem Straßenhändler halt, der eine Cheopspyramide von Melonen anbot. Die Pracht geriet ein wenig durcheinander, als er die von mir gewünschte Frucht aus der untersten Etage zog und mit einem Schlachtschwert zerteilte. Mit einer der herumkollernden Zwiebeln haben wir unser Abendessen gewürzt. Als Nachtisch gab es eine tüchtige Melonenportion. Der Rest zerschellte auf dem Kies, denn unser Klapptisch hat eine spiegelglatte Kunststoffoberfläche, und dass das Gelände geneigt ist, erwähnte ich wohl schon... Die aufbewahrten Bruchstücke waren übrigens am nächsten Tag in unserer Waschschüssel komplett vergoren. Die leere Roséflasche haben wir später als Pfandgut beim Pfirsichbauern abgegeben, der dies als Wunsch auf Nachschub deutete. So konnte ich auch am Folgeabend, den Gaby zum Leseabend deklarierte, wieder großspurig sein. Da waren wir übrigens vorher noch in einem Bergdorf zum Pizzaessen gewesen, und während unser Auto Dank Gabys Unbekümmertheit bei der Pizzabäckerkonkurrenz parkte, entstanden die Fotos von Pai (siehe pai di torri del benaco).

Die vertilgten Pizzen aus dem holzbefeuerten Steinofen waren einfach köstlich. Sie wurden höchstens noch übertroffen von den Spaghetti mit Meeresfrüchten im Restaurant Umberto in Castelletto, das uns unsere gastfreundlichen italienischen Campingnachbarn enthusiastisch empfohlen hatten. Diese hatten uns übrigens ohne große Umstände in ihre Campergemeinschaft aufgenommen und weihten uns in so manches italienisches Küchengeheimnis ein, so u. a. in die Zubereitung eines echt phantastischen Mokka mit Grappa.

Während sich die entfesselten Naturgewalten allmählich beruhigen, notiere ich mir in Ermangelung von sonstigem Papier meine Erinnerungsfetzen auf den Rändern von Kassenbons. Ich vergesse auch nicht unsere erste Duschprozedur, als wir splitternackt etwas verständnislos an den Armaturen rüttelten. Keine Chance - wieder anziehen und Duschmarken besorgen!

Wir haben uns am Gardasee prächtig erholt. Nachts die Sintflut, am Tage die Sonne von Italien. Das war bis zur Abreise so. Da hatten wir dann nachts den Mond von Italien, tags die Sintflut. Bei strömendem Regen haben wir das Zelt abgerissen. Wer Reinlichkeit liebt, kommt da kaum auf seine Kosten. Aber bei schönem Wetter campen kann ja jeder... Sollte jemand prüfen wollen, ob der Bund fürs Leben fürs Leben taugt, sollte er mit dem geliebten Wesen einmal campen, möglichst zur Regenzeit...

Ein guter Mokka unserer lieben Nachbarin hat es wieder gut gemacht, und also getröstet traten wir den Heimweg Richtung Brenner an. Österreich empfing uns bereits mit Sonnenschein.

Die nachfolgende Aufzählung ist vor allem für uns bestimmt, damit wir im nächsten Jahr bei unseren Reisevorbereitungen nichts vergessen. Sie wird für den nichtzeltenden Teil der Menschheit wenig Informationswert besitzen, und die survival-Profis werden nur müde lächeln. Für alle aber, die noch in der zweiten Lebenshälfte den unglaublichen Charme des Zeltlebens entdecken wollen, hier ein paar Tipps, was man so dabei haben sollte, wenn einen des Urlauberschicksal auf einen italienischen Zeltplatz verschlägt. Leute mit Bandscheibenproblemen können beruhigt sein. Unser luftgefülltes Gästebett hat uns besser getan als die komfortabelste Hightech-Matratze. Sollten wir übrigens im nächsten Jahr unser Basislager am K2 aufschlagen, werden wir danach die Liste überarbeiten. Versprochen!

Wer unseren Bericht aufmerksam gelesen hat, weiß natürlich schon, was alles nötig ist. Für weitere Hinweise sind wir dankbar (siehe Kontakte.)

Zelt mit Zubehör (für zwei verschiedengeschlechtliche Personen Vier-Mann-Zelt ausreichend)
Abwaschmittel
Abwaschtuch
Aufleger (Steinstrand?!)
Badekleidung (No FKK?!)
Bademantel
Badeschuhe (Steinstrand zu erwarten?!)
Barmittel
Decken
div. Literatur für Strand und Leseabende
div. Werkzeug (Männersache!)
ev. Nähzeug (Frauensache)
Fotoapparat
Geldkarte
Geschirr (Teller, Tassen, Bestecke, Küchenmesser, Schneidebrett, Eßschüsseln)
Geschirrtrockentücher
Hammer
Handtücher
Handy mit Ladegerät
Joggingkleidung
Kabeltrommel (für außen!)
Kerzen
Kochplatte
Matratze
Mehrzwecklampe mit Schalter
Mückenabwehrkampfstoff
optische Brillen
praktische Kleidung je nach Jahreszeit (Regenzeit?!)
Pumpe oder Blasebalg (stabil!)
Radio
Regenbekleidung
Regenschirm
Reisepässe
Riesenmehrzweckplane
Rucksack
Schlafsäcke
Schnorchel
Schöpfkelle
Schreibzeug
Schuhwerk
Sieb
Sonnenbrillen
Sonnenschutzmittel
Spannbettlaken
Standardmedikamente
Stapelboxen
Strandtücher
Streichhölzer
Stühle
Taschenlampe
Taschenmesser
Taschentücher
Taucherbrille
Tisch
Toilettenpapier
Töpfe und Pfanne
Wanderkarten vom Vorjahr
Wäscheklammern
Wäscheleine
Waschschüssel
Waschzeug
Wörterbuch Italienisch