Begegnung der gepanzerten Art...


Noch etwas schlafbenommen trotte ich zum nahen Strand. Die Vatis aller Nationen streben an mir vorbei, hoch beladen mit den Gummischwimmtieren ihrer Sprösslinge oder den hoteleigenen Badetüchern, hin zum Pool, um die Tagesclaims abzustecken. Trotz der frühen Stunde begegne ich bereits einzelnen Rückkehrern mit glänzenden Augen, glücklichen Siegern im täglichen Kampf ums Poolrevier. Durch die Erinnerung ziehen die Ereignisse der ersten Urlaubstage hier in „Club Voyage Cesars“, einer Hotelanlage zwischen Antalya und Side, an einem der schönsten Küstenabschnitte der türkischen Riviera.

Natürlich hatten sie wieder Recht behalten, die besorgten Freunde und Bekannten, die uns nach den unerquicklichen Erlebnissen vergangener Urlaubsreisen zu vom Pech verfolgten „Katastrophentouristen“ abgestempelt hatten. Aber zunächst hatte alles ganz harmlos begonnen: Landung in Gewitterturbulenzen, verschwundene Geldbörse, verschmutztes Zimmer mit nichtfunktionierendem Wasserabfluss und eine erste schlaflose Nacht, verschönt durch das Gedröhne einer Klimaanlage, die kräftig einheizte anstatt zu kühlen...

Nachdem Rezeption und Reiseleiter über die verschwundene Geldbörse benachrichtigt, der unschuldige Gepäckträger ausgiebig verdächtigt und das subtropische Dickicht rings um unsere Unterkunft vom Sicherheitsdienst in der Nacht mit Handlampen Quadratmeter für Quadratmeter abgesucht war, fand sich das gute Stück Tage später in einem uns bis dato noch unbekannten Fach unseres brandneuen, labyrinthartigen Rucksacks. Nachdem wir das Zimmer getauscht und beim Koffertransport empfindliche Verletzungen an den unbeschuhten Füßen erlitten hatten, begann der erholsame Abschnitt unseres Urlaubs...

Direkt im Strandabschnitt unserer Hotelanlage mündete ein Fluss, der kühles Wasser aus dem nahen Taurus herantrug. Wenn man das reißende Gewässer durchwatet hatte, gelangte man an einen herrlichen, sandigen Strandabschnitt. Wir verbrachten den ersten Tag mit stundenlangem Baden, mit Boots- und Wassertreterfahrten. Als ich in den Abendstunden noch einmal allein ins Wasser ging, hatte ich kurz hinter der Flussmündung eine rätselhafte Begegnung. Die Brandung hatte das Wasser stark aufgewühlt, so dass die Sicht im Wasser nicht sehr gut war. Ich hielt mich in der Nähe des Ankerplatzes von einem knallgelben Motorboot auf, das hier schon den ganzen Tag an seinen Tauen gezerrt hatte. „Bananarading“ war in großen Buchstaben daran zu lesen.

Das Boot gehörte zu einer Wassersportstation, die den Touris Speedbootfahrten, Bananenreiten, Jetski, Parasailing und ähnliche adrenalintreibende Urlaubsfreuden anbot. In der Nähe dieses gelben Bootes stieß ich im Wasser schmerzhaft mit einem massiven Gegenstand zusammen. Als ich in den Wellen nach der Ursache tastete, konnte ich jedoch nichts entdecken. Ich dachte an einen sehr großen Stein oder einen Holzbalken oder an das verschollene Atlantis – für einen Fisch fühlte sich das Etwas entschieden zu fest an. Ich besprach die seltsame Kollision mit Rico, suchte dann mit Taucherbrille und Schnorchel die Stelle noch einmal genau ab, konnte aber nichts außergewöhnliches feststellen...

Wir vergaßen diesen Zwischenfall im Nachtleben der Hotelanlage – Wasserpfeife und Kaffee, türkische Rhythmen, Cocktails, Raki, schließlich dann noch in der Disko dieser raffinierte Mix von HIP HOP und Techno. Wir konnten in dieser Nacht schon wesentlich besser schlafen!

Am nächsten Tag besichtigten wir die benachbarten Luxushotels, badeten schamlos in deren phantastischen Poollandschaften, waren viel in der Brandung und gingen am Abend schon recht ermattet noch einmal ins Meer schwimmen. Wieder hielten wir uns in der Nähe des gelben Bootes auf... Als wir so erfrischt waren, wie man sich in warmen Mittelmeerwasser eben erfrischen kann, und wieder dem Strand zustrebten, passierte es. Plötzlich wurde mein rechtes Knie schmerzhaft von irgend etwas gepackt und wie in einen riesigen Schraubstock gepresst. Ich riss mich los, schrie Gaby zu, dass da irgend etwas ungeheuerliches im Wasser sei, stürzte bei meiner Flucht über irgend etwas Großes, Hartes und gelangte in voller Panik ans Ufer. Wir untersuchten sofort das Knie – aber bis auf zwei kreisrunde Abschürfungen und rote Flecke waren keine Verletzungen zu entdecken.

Wir holten die Leute von der Wassersportstation, um sie auf über die Gefahr, die hier in den Wellen lauerte, zu warnen. Unsere Schilderungen lösten jedoch ganz und gar nicht den Schrecken aus, den wir erwartet hatten. Ganz in Ruhe wurden wir darüber aufgeklärt, dass der Ankerplatz des gelben Sportbootes der Lieblingsaufenthaltsort von „Turtels“ sei. Und die seien absolut ungefährlich, meinte man lakonisch!

Aha, so war das. Da war ich also mit meinen tapsigen Touristenbeinen auf einer „ungefährlichen“ Meeresschildkröte herumgetrampelt, die im Schatten des Bootes ihren Feierabend genoss, sich offenbar in ihrer Ruhe gestört fühlte und sofort zur Attacke überging. Ob sie wohl schon seit gestern dort auf mich gewartet hatte? Also nicht gefährlich, hmm... Ich habe ausreichend Phantasie, um mir die Größe einer Schildkröte vorzustellen, die mühelos das Knie eines erwachsenen Mannes zwischen die Kiefer nimmt, und ich wage mir nicht auszumalen, sie hätte die weniger knöchernen Teile etwas oberhalb meines Knies erwischt...

Ich versorgte brav das geschundene Knie mit einem Riesenbeutel voller Eisstücke, die Gaby sofort organisiert hatte, und meinen Magen mit den Köstlichkeiten türkischer Backkunst, die Rico heranschleppte. Außerdem tröstete er mich mit einer Geschichte von giftstachelbewehrten Fischen, die am Strand von Tunesien den Touris auflauern und deren Gift zur Lähmung führen kann. Rico war im vergangenen Sommer auf so ein heimtückisches Tierchen getreten, das sich im Sand eingewühlt hatte. Dagegen erschien mein Abenteuer doch eher harmlos, und etwas bedauernd schaute ich auf den Eisbeutel hinunter, der ein Anschwellen meines Knies auf Elefantenbeinstärke natürlich bestens verhütet hatte. Und dabei hatte ich mich schon fast als Held gefühlt ... Jedenfalls nahm ich mir vor, die Ankerplätze von gewissen knallgelben Sportbooten künftig besser zu meiden!

P.S.
Abgesehen davon, dass sich unsere teuer gebuchte Luxussegelyacht nur mit einem Dieselmotor durchs Mittelmeer quälte, und abgesehen davon, dass ich bei der Rückkehr von einem Tauchgang in herrlichen Meeresgrotten eine völlig aufgelöste Gaby vorfand, die mich beim Kapitän bereits als vermisst melden wollte, weil sie mich in eine Grotte hineintauchen aber nicht wieder herauskommen sah, abgesehen davon, dass unser neues Zimmer an ein weiteres Zimmer grenzte, das von dem unsrigen nur durch eine verschlossene Tür getrennt war und in welchem das Nachbarpärchen zu spätnächtlicher Stunde lautstark Zoff hatte, abgesehen davon, dass sich unsere stolz auf dem Basar „heruntergehandelten“ Waren im Hotelshop als wesentlich preisgünstiger erwiesen, abgesehen davon, dass Rico im Salat eine Schnecke und im Kuchen ein Stück Draht fand (wirklich nur ein einziges mal!) und abgesehen davon, dass wir am Abreisetag mit tausend weiteren entnervten Urlaubern in sengender Hitze ewig vor dem völlig überfüllten Abfertigungsgebäude darauf warteten, unser Flugzeug ohne uns heim fliegen zu sehn (was dann aber trotz unserer großen Verspätung doch nicht eintrat) und trotz des Schwächeanfalls, den ich erlitt, als wir uns schließlich bis in die Halle durchgekämpft hatten – abgesehen davon blieben wir von weiteren Aufregungen verschont und verlebten einen wundervollen Urlaub, an den wir noch oft und gern zurückdenken werden. Einen Eindruck vermittelt unsere Bildauswahl urlaub in antalya – belek – kemer. Unsere Freunde können völlig beruhigt sein!